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Der diesjährige Jahresabschluss wurde mit dem Lunapark-Massaker besiegelt, das, der wunderbaren Illustration von Tobias Wirz entsprechend, auf einem äusserst kargen und unfreundlich wirkenden Flecken Erde ausgetragen wurde; am Stadtrand von Zürich-Örlikon und an der Grenze zur Agglomeration, die mit Tränen treibenden Konzeptbauten und sich vermeintlich kurz vor dem Absturz befindlichen Passagiermaschinen zu imponieren versuchte. Irgendwie schien das aber nicht zu klappen, der Betrachter verlor sich viel mehr in einer Trance zwischen absoluter Hoffnungslosigkeit und tiefer Trauer...
Im Tiefflug und mit brüllenden Triebwerken zogen die Blechbüchsen aller Herren Länder über unsere Köpfe dahin, wie aufgescheuchte Rabeneltern, die ihr Nest, in diesem Fall das Areal Glattpark, gegen fremde Eindringlinge zu verteidigen versuchten. Unbeeindruckt dessen betrachteten die eingetroffenen Teilnehmer die bauliche Einöde und wussten plötzlich ihr momentanes Daheim unglaublich zu schätzen, auch wenn vielleicht der eine oder andere Punkt auf die Mängelliste gehört. Inmitten dieser Stein- und Betonwüste erschien die Hügellandschaft, als ehemalige BMX-Piste ein Reliqt der letzten Bike Days, das von Trail Works da hingestellt wurde, wie eine grüne Oase und animierte zu Schabernack als wäre es ein überdimensionierter Spielplatz für Erwachsene, der das Kind in uns allen weckt, das einfach nicht älter werden will.
Die Startnummern waren relativ schnell vergeben und mit Bewerbern aus Stuttgart und Boston bekam das Feld plötzlich einen sehr internationalen Anstrich. Multilingual wurde dann in der kurz darauf folgenden Begehung des Rundkurses auf die Tücken und Schwierigkeiten hingewiesen, die mit dem unerwarteten Tauwetter aufgetaucht waren: Die BMX-Bahn, zwei Tage zuvor noch hartgefroren und trocken, glich jetzt mehr einer drittweltlichen Produktionsstätte für Lehmziegel, der grosszügig ausgebrachte Schotter, ehemals fest und unbedenklich, war nun lose und in seiner Bremswirkung wie ein Kiesbett an Formel-1-Strecken. Doch ausser leisem Fluchen war aus den Reihen der Teilnehmer kein Protest zu hören, auch nicht dann, als die Begehung durch einen "Schützengraben" führte, der in der Woche davor wie ein Bob-Kanal zu durchfahren war, jetzt aber mehr der Ausgabestelle von Fango-Packungen in einem noblen Wellness-Hotel gerecht wurde.
Die Fahrer mussten nach dem Start also erst über rutschigen Schotter zu ihren Rädern rennen, dann den matschig-klebrigen Anstieg zum Starthügel der BMX-Piste meistern (erst mal viele zu Fuss, später dann mit Ach und Krach auf den Velos), anschliessend je zwei Doubles bewältigen, bevor es nach rechts in die Steilwandkurve ging, um dann noch mal zwei etwas kleinere Wellen und den folgenden Anlieger nach links zu bezwingen. Danach führte die Strecke über das Kiesfeld und groben Schotter in weiten Kurven zu einem asphaltierten und schnurgeraden Weg, auf dem richtig Tempo und dem zu Folge auch Positionen gut gemacht werden konnten. Nach 250 Metern musste dann scharf links in den erwähnten "Schützengraben" abgebogen werden, in dem ein Überholen fast unmöglich war (man war mit dem eigenen Vorwärtskommen so beschäftigt, dass an Angriffe auf Vordermänner an dieser Stelle gar nicht zu denken war). Also hätte man hier als Führender eigentlich ein wenig die Beine hängenlassen können, was aber erstaunlicherweise keiner tat. Dazu aber später mehr. Nach dem Graben folgte auf eine Spitzkehre nach links ein Weg über nasses Gras, der den Gewächshäusern entlang, und wieder über eine Spitzkehre nach links, zurück auf das Plateau mit dem Schotter und Kies führte. Dann Begann der ganze Spass von vorne, zur Freude aller Teilnehmer und anwesenden Zuschauer.
Nach dem Start stellte sich ziemlich schnell heraus, dass Stefan Hess sich für die Schmach beim Technopark-Massaker zu revanchieren versuchte und deshalb legte er ein unbarmherziges Tempo vor, gefolgt von Thomas Kern, der ihm aber bald Paroli bot und sich seinerseits an die Spitze drängte, Uwe Trummer und Stefan Fröhlich, der am Abend zuvor in Aigles sämtliche Bahn-Wertungen gewonnen hatte und trotzdem erschienen war, diesmal ganz in rosa. Wer aber so viel Testosteron sein Eigen nennt wie er wäre auch Mann genug um im Ballett-Tutu anzutanzen und bräuchte sich auch dann noch nicht zu schämen. Dahinter zog sich das Feld langsam aber stetig auseinander und es war unschwer zu erkennen, dass die Bodenverhältnisse rigoros an den Reserven der Teilnehmer zehrten. Trotzdem gelang es z.B. Jacob Smoller aus Boston, der auf einem von Stefan Fröhlich geliehenen Quer-Velo unterwegs war, sich immer wieder durch Positions-Gewinn eine Runde weiter zu retten. In der siebten Runde war aber auch für ihn der Ofen aus und er übergab sein Quer-Velo als Ersatz-Gefährt an Christoph Vetter, der bereits seit zwei Runden mit einem platten Hinterrad unterwegs war. Hauptsache es bleibt in der Familie, alles andere ist sekundär. Als Tim Klauser das Rennen unerwartet bereits nach zwei Runden verliess fiel uns erst bei genauerem Hinschauen auf, dass der Gute auf 1"-Slicks angereist war. Wohl kaum die richtige Reifenwahl für ein Unterfangen wie Parkmassaker aber auf jeden Fall eine sehr tapfere Leistung. Fabian Eggimann, der zu Beginn noch mit jugendlichem Elan die ersten Doubles der BMX-Piste wie ein Rehkitz übersprang, musste dann später seinem Übermut Tribut zollen und schaffte trotz verzweifeltem Anschlussversuch an die Spitzengruppe keine Podest-Platzierung mehr, er beendete das Rennen auf dem vierten Rang.
Die Spitzengruppe bestand nun nur noch aus Thomas Kern, der offensichtlich Probleme mit seinem völlig verdreckten XTR-Schaltwerk zu haben schien, Stefan Hess, der nach rundenlanger Beschattung nun endlich angriff und die Führung übernahm, und Uwe Trummer, der als Einziger auf seinem Quer-Velo über die Doubles surfte, als hätte er ein Kindervelo unter dem Arsch. Diese Kraftersparnis kam ihm offensichtlich gerade dann zu Gute, als Thomas Kern keine harten Gänge mehr schalten konnte und Stefan Hess deshalb zu einem Fluchtversuch ansetzte, der ihm dann zum Schluss immerhin noch den zweiten Platz einbrachte und Thomas Kern auf den Dritten verwies, der aber trotzdem die Saison-Führung und somit das Leader-Trikot vorerst noch behält. Mit einem kurzen aber energischen Zwischensprint liess Uwe Trummer seine beiden Kontrahenten weit hinter sich und machte sich fünf Runden vor Schluss auf und davon. Mit Bravour gewann er so zum ersten mal nach drei Jahren ein Parkmassaker und dies erst noch auf einem Quer-Velo, was uns natürlich besonders stolz macht, war doch die Parkmassaker-Serie in ihren Anfängen 2003 als Ersatz zum damals abgeschafften Waid-Quer gedacht und als Anlaufstelle für alle lizenzlosen Hobby-Athleten, die sich auch im Winter unter einander noch kompetitiv messen möchten. Mindestens Zweites scheint geklappt zu haben, nach fünf Jahren Spiel und Spass machen wir auf jeden Fall weiter.
Nach dieser Rundfahrt unter erschwerten Umständen, wir möchten uns noch mal für das unvorhersehbare Tauwetter entschuldigen, lachten die Teilnehmer bei Glühwein und Gebäck mit viel Selbstironie über sich selber und versuchten sich mit ihren Spuren des Massakers gegenseitig zu übertrumpfen. Dreckig war jeder, der eine ein wenig mehr, der andere ein wenig weniger. Die Bäckerei Jung hatte uns diesmal mit Köstlichkeiten dermassen übertrieben überhäuft, dass wir mehr als die Hälfte an die Velokuriere weitergaben, die im Hallenstadion gerade die zweiten X-Days zelebrierten. Den Glühwein hatte diesmal Markus zubereitet und sein Selbstanspruch als Gourmet machte sich durchaus bemerkbar, so dass allen zum ersten mal bewusst wurde, dass Benno den Begriff "Ingwer" wohl nur vom Hören her kannte und wahrscheinlich noch nie eine solche Wurzel mit in den Topf geworfen hatte (Sorry, Kollege, das ist für die unentschuldigte Absenz). Für die Kleinen und Kleinsten sowie den sich zu straight-edge bekennenden Uwe Trummer gab es Tee, da Transa als Getränke-Sponsor einen zusätzlich Krug organisiert hatte. Ein Angebot, das man in Anbetracht der vielen Kinder, die in letzter Zeit diesen Spektakeln beiwohnen, unbedingt beibehalten sollte.
Die Preisverleihung ging dann ziemlich schnell von statten, da am Himmel dunkle Regenwolken aufzogen und sich langsam unter allen Anwesenden Stalldrang breitmachte. Die Preise wurden wieder von Biroma, Backyard, flamme rouge, Wheelhouse und Turbinenbräu gestellt, auf die Banner von formlabor bzw. Farbwexler müssen wir wegen Firmen-Umzug wohl noch bis zum Saison-Abschluss warten.
Wir danken allen Teilnehmern, Zuschauern, Sponsoren, Fotografen, Freunden, Helfern und Kru-Mitgliedern für ihren selbstlosen Einsatz, ganz besonders unserem Flaggen-Mädchen Chris Hart, und wünschen ein gutes, neues Jahr.
Eure Parkmassaker-Kru Zürich